Hochleistungs-SiC-Module mit Großchips revolutionieren E-Mobilität

Hochleistungs-SiC-Module mit Großchips revolutionieren E-Mobilität

Die Elektromobilität steht vor einer neuen Wende. Während die Automobilbranche weltweit nach Wegen sucht, die Reichweite zu erhöhen, das Gewicht zu reduzieren und die Effizienz zu steigern, rücken die inneren Komponenten des Antriebsstrangs zunehmend in den Fokus. Keine andere Technologie hat in den letzten Jahren so viel Versprechen gezeigt wie die Siliziumkarbid-(SiC-)Leistungshalbleiter. Ihre Fähigkeit, elektrische Energie mit minimalem Verlust umzuwandeln, macht sie zum Herzstück moderner Elektrofahrzeuge. In einer bahnbrechenden Studie, die kürzlich im Journal of Power Supply veröffentlicht wurde, stellen Forscher aus China einen neuartigen Ansatz vor, der die Leistungsdichte von SiC-Leistungsmodulen auf ein neues Niveau hebt: die Verwendung großer Chips in Kombination mit einer innovativen Schicht-DBC-Verpackungstechnologie.

Die Forschungsarbeit, geleitet von Li Dongrun, Ning Puqi, Kang Yuhui, Fan Tao, Lei Guangyin und Shi Wenhua, stellt einen Paradigmenwechsel in der Konstruktion von Leistungsmodule für Elektrofahrzeuge dar. Statt auf die klassische Methode zu setzen, viele kleine Chips parallel zu schalten, um hohe Ströme zu erreichen, setzen die Wissenschaftler auf weniger, dafür deutlich größere SiC-MOSFET-Chips. Dieser Ansatz adressiert zentrale Herausforderungen der aktuellen Technologie – ungleichmäßige Stromverteilung, thermische Instabilität und begrenzte Leistungsdichte – und bietet eine überzeugende Lösung für die nächste Generation von Hochleistungs-Elektroantrieben.

Der Aufstieg von Siliziumkarbid: Warum SiC die Zukunft ist

Die Entwicklung von Elektrofahrzeugen ist untrennbar mit der Evolution der Leistungselektronik verbunden. Lange Zeit dominierten Silizium-basierte IGBTs (Insulated Gate Bipolar Transistors) den Markt. Sie erfüllten ihre Aufgabe, waren aber durch hohe Schaltverluste und eine begrenzte Betriebstemperatur eingeschränkt. Diese Verluste führen zu Wärme, die wiederum aufwendige Kühlungssysteme erfordert und die Gesamteffizienz des Fahrzeugs mindert.

Siliziumkarbid, ein sogenannter Wide-Bandgap-Halbleiter, bietet hier entscheidende Vorteile. Mit einer Durchbruchsspannung, die das Zehnfache von Silizium erreichen kann, einer höheren thermischen Leitfähigkeit und deutlich geringeren Schalt- und Leitverlusten, ist SiC technologisch überlegen. Diese physikalischen Eigenschaften ermöglichen schnelleres Schalten, effizientere Energieumwandlung und die Konstruktion kompakterer, leichterer Module. Für die Automobilindustrie bedeutet dies direkte Vorteile: längere Reichweite, kürzere Ladezeiten und mehr Platz für Batterien oder andere Systeme.

Trotz dieser offensichtlichen Vorteile blieben praktische Hürden bestehen. Die Herstellung von SiC-Wafern ist komplex und teurer als bei Silizium. Doch der wahre Engpass liegt in der Verpackungstechnologie. Um die hohen Ströme zu bewältigen, die moderne Elektromotoren benötigen, werden mehrere Chips parallel geschaltet. Dies führt jedoch zu einem kritischen Problem: der ungleichmäßigen Stromverteilung, auch bekannt als „ungleichmäßiges Stromteilen“.

Das Problem der ungleichmäßigen Stromverteilung

Selbst Chips aus derselben Produktionscharge weisen leichte Unterschiede in ihren elektrischen Parametern auf. Die Schwellenspannung (Vth), der Durchlasswiderstand (Rds(on)) und die Transkonduktanz (gfs) können um bis zu ±40 %, ±15 % bzw. ±7 % um den Mittelwert streuen. Diese Streuung ist bei SiC-MOSFETs deutlich ausgeprägter als bei traditionellen Silizium-IGBTs.

Wenn solche Chips parallel geschaltet werden, führt dieser Parameterunterschied dazu, dass ein Chip mehr Strom zieht als ein anderer. Der Chip mit dem geringeren Durchlasswiderstand wird zuerst aktiviert und übernimmt einen unverhältnismäßig großen Teil des Gesamtstroms. Dieser übermäßige Strom führt zu einer höheren Verlustleistung und damit zu einer höheren Temperatur an diesem Chip. Obwohl SiC-MOSFETs einen positiven Temperaturkoeffizienten haben – das bedeutet, dass ihr Durchlasswiderstand mit steigender Temperatur zunimmt, was den Strom reduzieren sollte – ist dieser Effekt oft nicht stark genug, um die anfängliche Ungleichheit vollständig auszugleichen, besonders bei schnellen Laständerungen.

Das Ergebnis ist eine thermische Entkopplung: Einige Chips werden heißer als andere, was zu lokalen „Hotspots“ führt. Diese Hotspots sind die Achillesferse der Leistungsmodul-Technologie. Sie beschleunigen den Alterungsprozess, erhöhen das Risiko von thermischem Durchschlag und verkürzen die Lebensdauer des gesamten Moduls erheblich. Für ein Elektrofahrzeug, das eine Lebensdauer von über zehn Jahren erwartet, ist dies ein unakzeptables Risiko.

Die Lösung: Großchips und Schicht-DBC-Verpackung

Die Forschergruppe um Li Dongrun vom Institut für Elektrotechnik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften hat eine elegante Lösung für dieses Problem entwickelt. Ihr Kerngedanke ist simpel, aber tiefgreifend: Reduziere die Anzahl der parallel geschalteten Chips, indem du die Größe und Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Chips erhöhst.

Sie nutzten einen neu entwickelten, großformatigen SiC-MOSFET-Chip namens SG2MA35120B des Unternehmens SiChain Semiconductors. Dieser Chip, mit einer Nennspannung von 1 200 V und einem Durchlasswiderstand von nur 3,5 mΩ bei 25 °C, ist in der Lage, bei einer Sperrschichttemperatur von 150 °C einen Spitzenstrom von 350 A zu führen. Dies ist eine außergewöhnliche Leistung für einen einzelnen Chip.

Um die Vorteile dieses Großchips vollständig auszuschöpfen, kombinierten die Forscher ihn mit einer fortschrittlichen Verpackungstechnologie: der Schicht-DBC-Verbindung (Direct Bonded Copper). Im Gegensatz zu herkömmlichen Verpackungen, bei denen alle Chips auf einer einzigen DBC-Platte montiert und mit Bondrähten verbunden werden, verwendet diese Methode zwei übereinanderliegende DBC-Substrate. Die obere und untere DBC-Schicht dienen als separate Strompfade.

Dieser Aufbau hat mehrere entscheidende Vorteile. Erstens wird die parasitäre Induktivität des Moduls drastisch reduziert. Parasitäre Induktivitäten in den Strompfaden sind für Spannungsspitzen und Schwingungen während des Schaltvorgangs verantwortlich, die die Effizienz mindern und die Bauteile belasten. Die Simulationen der Forscher ergaben eine extrem geringe Streuinduktivität von nur 8,3 nH für ihr Modul, was die Schaltgeschwindigkeit erhöht und elektromagnetische Störungen (EMI) verringert.

Zweitens ermöglicht die Schicht-DBC-Verbindung eine gleichmäßigere Stromverteilung zwischen den Chips. Da die Strompfade besser ausgeglichen sind, wird das Risiko von ungleichmäßiger Belastung minimiert. Drittens verbessert die Struktur die Wärmeableitung. Die Wärme kann effizienter von der Chipoberseite über die obere DBC-Schicht und von der Chipunterseite über die untere DBC-Schicht abgeführt werden, was die thermische Leistung des gesamten Moduls verbessert.

Experimentelle Bestätigung: Der Beweis in der Praxis

Die Theorie wurde durch umfangreiche experimentelle Tests bestätigt. Die Forscher bauten ein Prototyp-Modul mit vier dieser 3,5-mΩ-Großchips in einer Halbbrückentopologie auf. Um die elektrischen Eigenschaften zu analysieren, führten sie einen sogenannten Doppelpuls-Test durch. Dies ist die Standardmethode zur Charakterisierung von Leistungshalbleitern unter realistischen Schaltbedingungen.

Der Test wurde bei einer Busspannung von 800 V und einer Umgebungstemperatur von 150 °C durchgeführt – Bedingungen, die den harten Anforderungen eines modernen Elektrofahrzeugs entsprechen. Die Ergebnisse waren beeindruckend: Das Modul schaltete sauber und stabil. Während des ersten Pulses erreichte der Strom eine Spitze von genau 350 A, was der Nennleistung eines einzelnen Chips entspricht. Es gab keine signifikanten Schwingungen im Gate-Signal oder im Ausgangsspannungsverlauf, was auf eine hohe Stabilität und eine geringe parasitäre Induktivität hindeutet.

Zum Vergleich testeten die Forscher ein herkömmliches, drahtgebondetes Modul mit dem gleichen Chip. Bereits bei einer Busspannung von 650 V zeigte sich eine starke Oszillation im Gate-Signal. Diese Instabilität macht ein sicheres Hochspannungs-Schalten unmöglich und unterstreicht die Überlegenheit der neuartigen Schicht-DBC-Verpackung.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Experiments war die sorgfältige Platzierung der Messsonden. Die Forscher stellten fest, dass eine falsche Positionierung einer Hochspannungs-Differenzialsonde direkt über einem Buskondensator zu falschen Messergebnissen führen kann, da die Sonde von den starken elektromagnetischen Feldern beeinflusst wird. Dies führte zu unerklärlichen Schwingungen im Messsignal. Durch die Optimierung der Testaufbauten konnten sie sicherstellen, dass die präsentierten Daten eine echte Abbildung der Modulleistung sind.

Simulation: Der Blick unter die Oberfläche

Um die langfristige Zuverlässigkeit und das thermische Verhalten des Moduls zu bewerten, gingen die Forscher einen Schritt weiter und führten detaillierte elektrothermische Simulationen durch. Sie verglichen zwei Szenarien: ein Modul mit vier 3,5-mΩ-Großchips und ein hypothetisches Modul mit sechzehn 16-mΩ-Klein-Chips – eine Konfiguration, die in aktuellen Hochleistungsmodulen wie dem HPD (Hybrid PACK Drive) üblich ist.

Die Simulationen modellierten den komplexen Rückkopplungseffekt zwischen elektrischen und thermischen Eigenschaften. Wenn ein Chip mehr Strom führt, erwärmt er sich. Diese höhere Temperatur erhöht seinen Durchlasswiderstand, was wiederum den Strom reduziert – ein selbstregulierender Prozess. Die Forscher simulierten diesen Prozess unter der Annahme, dass die Last linear ansteigt.

Die Ergebnisse waren eindeutig. Ohne den temperaturbasierten Rückkopplungseffekt (ein theoretischer Extremfall) zeigte das Modul mit sechzehn Klein-Chips eine maximale Temperaturdifferenz zwischen den Chips von über 20 °C. Das Modul mit vier Großchips hingegen zeigte eine Differenz von unter 10 °C. Wenn der positive Temperaturkoeffizient aktiviert wurde, verbesserte sich die Situation für beide Konfigurationen, aber der Vorteil der Großchips blieb bestehen: Die maximale Temperaturdifferenz war bei den vier Großchips deutlich geringer als bei den sechzehn Klein-Chips.

Diese geringere Temperaturdifferenz ist entscheidend. Sie bedeutet, dass alle Chips im Modul gleichmäßig belastet werden, was die thermische Belastung reduziert und die Lebensdauer erheblich verlängert. Ein Modul, das weniger anfällig für Hotspots ist, ist ein zuverlässigeres Modul.

Auswirkungen auf die Automobilindustrie: Von 680 A auf 1 400 A

Die praktischen Implikationen dieser Forschung sind enorm. Die Forscher wendeten ihre Erkenntnisse auf das weit verbreitete HPD-Modul an. Ein aktuelles HPD-Modul erreicht eine Stromstärke von 680 A bei 150 °C, indem es acht 16-mΩ-Chips pro Brücke parallel schaltet.

Die Forscher zeigten, dass durch die Verwendung von nur vier 3,5-mΩ-Großchips in Kombination mit der Schicht-DBC-Verpackung und einer entsprechenden Kühlung die Stromstärke auf beeindruckende 1 400 A gesteigert werden könnte – mehr als das Doppelte der aktuellen Leistung. Dies eröffnet völlig neue Möglichkeiten für Fahrzeughersteller.

Ein solches Modul könnte in einem Hochleistungs-Elektrofahrzeug eingesetzt werden, um eine extrem starke Beschleunigung zu ermöglichen, ohne dass das Antriebssystem überlastet wird. Alternativ könnte ein Hersteller die gleiche Leistung mit einem kleineren, leichteren Modul erreichen, was Gewicht spart und Platz für eine größere Batterie schafft, was wiederum die Reichweite erhöht. Die Technologie bietet also Flexibilität: mehr Leistung oder mehr Effizienz.

Darüber hinaus verbessert die reduzierte Anzahl an Chips und Bondverbindungen die mechanische Robustheit des Moduls. Weniger Bondrähte bedeuten weniger potenzielle Bruchstellen, die durch thermische Zyklen oder Vibrationen entstehen können. Dies trägt direkt zur langfristigen Zuverlässigkeit bei, einem kritischen Faktor für die Akzeptanz von Elektrofahrzeugen durch die Verbraucher.

Die Zukunft der Leistungselektronik

Diese Forschung ist mehr als nur eine technische Verbesserung; sie ist ein Paradigmenwechsel. Sie zeigt, dass die Zukunft nicht unbedingt in der Miniaturisierung liegt, sondern manchmal in der bewussten Vergrößerung eines Schlüsselelements, um ein ganzheitliches Systemproblem zu lösen.

Die Verwendung von Großchips in Kombination mit fortschrittlicher Verpackungstechnologie wie der Schicht-DBC-Verbindung adressiert die grundlegenden physikalischen Herausforderungen der Leistungselektronik. Sie reduziert Verluste, verbessert die Kühlung, erhöht die Zuverlässigkeit und maximiert die Leistungsdichte. Diese Faktoren sind nicht nur für die Automobilindustrie, sondern für alle Anwendungen, die hohe elektrische Leistung effizient und kompakt umsetzen müssen, von entscheidender Bedeutung.

Die Zusammenarbeit zwischen akademischen Institutionen wie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und der Universität für Chinesische Akademie der Wissenschaften sowie dem Industrieunternehmen SiChain Semiconductors, vertreten durch Shi Wenhua, ist ein Beispiel für die erfolgreiche Brücke zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung. Es zeigt, dass die nächste Welle der Innovation durch enge Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft entsteht.

Insgesamt markiert diese Arbeit einen entscheidenden Schritt vorwärts auf dem Weg zu einer nachhaltigeren und leistungsfähigeren Mobilität. Sie demonstriert, dass die kontinuierliche Verbesserung der Kernkomponenten – wie des Leistungsmoduls – der Schlüssel ist, um die vollen Vorteile der Elektromobilität auszuschöpfen. Mit solchen Innovationen wird die Zukunft der Mobilität nicht nur elektrisch, sondern auch effizienter, zuverlässiger und zugänglicher.

Li Dongrun, Ning Puqi, Kang Yuhui, Fan Tao, Lei Guangyin, Shi Wenhua, Journal of Power Supply, DOI: 10.13234/j.issn.2095-2805.2024.3.93

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