Intelligentes Laden entlastet Stromnetze bei E-Mobilität

Intelligentes Laden entlastet Stromnetze bei E-Mobilität

Die Elektromobilität befindet sich in einer Phase rasanter Expansion. Mit jedem neuen Elektrofahrzeug, das auf die Straßen rollt, steigt nicht nur die Nachfrage nach sauberer Mobilität, sondern auch die Belastung für die bestehende Strominfrastruktur. Insbesondere in Wohngebieten, wo viele Nutzer ihre Fahrzeuge gleichzeitig nach der Arbeit anschließen, drohen Lastspitzen, die lokale Transformatoren überlasten und die Stabilität des Verteilnetzes gefährden können. Diese Entwicklung stellt Energieversorger vor enorme Herausforderungen: Kosten steigen, die Lebensdauer von Netzkomponenten verkürzt sich, und die Integration erneuerbarer Energien wird komplexer.

Doch anstatt diese Herausforderung als Hindernis zu sehen, nutzen Forscher innovative Lösungen, um Elektrofahrzeuge vom potenziellen Netzrisiko zum aktiven Bestandteil eines intelligenten Energiesystems zu machen. Ein Team aus China, angeführt von Zhang Lin von der State Grid Chongqing Electric Power Company in Zusammenarbeit mit Liu Chaoqun von der Wuhan University of Technology, hat ein neuartiges intelligentes Ladesystem entwickelt, das eine dynamische Interaktion zwischen Fahrzeug und Stromnetz ermöglicht. Ihr Ansatz, veröffentlicht im renommierten Fachjournal Electrical Measurement & Instrumentation, bietet eine praxisnahe, kosteneffiziente und skalierbare Antwort auf die wachsende Belastung durch die Elektromobilität.

Im Zentrum der Forschung steht die Idee, das Laden von Elektrofahrzeugen nicht länger als passiven, nutzergesteuerten Vorgang zu betrachten, sondern als intelligentes, netzdienliches Element zu gestalten. Traditionelle Ladeverhalten – etwa das sofortige Anschließen des Fahrzeugs nach Feierabend, häufig in den Abendstunden mit bereits hohem Grundlastverbrauch – führen zu sogenannten Lastkonzentrationen. Wenn Dutzende Elektrofahrzeuge in einer Siedlung gleichzeitig mit maximaler Leistung laden, kann dies den lokalen Transformator überhitzen, Spannungsschwankungen verursachen und im schlimmsten Fall zu Ausfällen führen. Studien zeigen, dass besonders das schnelle AC-Laden mit 240 Volt erheblichen thermischen Stress auf Transformatoren ausübt und deren Lebensdauer erheblich verkürzen kann.

Das von Zhang Lin und ihrem Team vorgestellte System, das als „Optimized Charging“ (OC) bezeichnet wird, adressiert dieses Problem durch eine intelligente Vorhersage- und Steuerungslogik. Es basiert auf der Annahme, dass Fahrer nicht unbedingt sofort mit dem Laden beginnen müssen, sondern flexibel sind, solange ihr Fahrzeug bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ausreichend geladen ist. Diese Flexibilität wird genutzt, um sowohl den individuellen Energiekosten zu senken als auch das Stromnetz zu entlasten.

Das Herzstück des Systems ist eine bidirektionale Kommunikation zwischen dem Fahrzeug und dem Stromnetz. Sobald ein Elektrofahrzeug an eine intelligente Ladestation angeschlossen wird, beginnt es nicht automatisch mit dem Ladevorgang. Stattdessen empfängt es von der lokalen Infrastruktur, vermittelt über den intelligenten Stromzähler, zwei entscheidende Datensätze für die nächsten 24 Stunden: einen Preisprofil und ein Laststeuerungssignal. Das Preisprofil zeigt die prognostizierten Stromkosten für jede 15-Minuten-Intervall, was Nutzern ermöglicht, in billigen Tarifzeiten zu laden. Das Laststeuerungssignal, bezeichnet als Demand Response Load Control (DRLC), gibt an, zu welchem Prozentsatz die maximale Ladeleistung in jedem Zeitfenster genutzt werden darf. Beispielsweise könnte das Signal in Spitzenlastzeiten auf 50 % begrenzt sein, um Überlastungen zu vermeiden.

Diese Informationen werden an das Fahrzeug übermittelt, wo ein integrierter Algorithmus die optimale Ladezeit berechnet. Der Fahrer interagiert dabei über eine Benutzeroberfläche – etwa eine Webanwendung oder eine App – und gibt zwei zentrale Parameter vor: den gewünschten Ladezustand (State of Charge, SOC) und das Zeitfenster, in dem das Fahrzeug geladen sein soll (zum Beispiel von 18:00 Uhr bis 07:00 Uhr am nächsten Morgen). Basierend auf diesen Eingaben und den empfangenen Netzdaten berechnet das System drei verschiedene Ladeoptionen, die dem Nutzer zur Auswahl stehen.

Die erste Option ist das „schnellste Laden“. Hier startet das Fahrzeug sofort mit maximaler Leistung, unabhängig von den Stromkosten oder der Netzbelastung. Diese Variante ist für Nutzer gedacht, die maximale Flexibilität benötigen und bereit sind, dafür einen höheren Preis zu zahlen. Die zweite Option ist das „günstigste Laden“. Das System analysiert das 24-Stunden-Preisprofil und identifiziert den Zeitraum innerhalb des vom Nutzer vorgegebenen Fensters, in dem die Gesamtkosten für das Laden minimal sind. Das Fahrzeug lädt dann zu diesen günstigen Zeiten, was für den Nutzer erhebliche Einsparungen bei der Stromrechnung bedeutet. Die dritte und innovativste Option ist das „optimierte Laden“. Hier wird nicht nur der Preis berücksichtigt, sondern auch die DRLC-Begrenzungen des Netzbetreibers. Das System sucht nach dem kostengünstigsten Zeitpunkt, der gleichzeitig die vorgegebenen Netzlastgrenzen einhält. Dies stellt sicher, dass das Laden nicht nur für den Nutzer wirtschaftlich ist, sondern auch die Stabilität des lokalen Stromnetzes schont.

Ein entscheidender Vorteil dieses Ansatzes ist seine technologische Pragmatik. Im Gegensatz zu komplexen Vehicle-to-Grid-(V2G-)Systemen, die eine Rückeinspeisung von Energie aus dem Fahrzeug in das Netz erfordern und dafür teure bidirektionale Ladegeräte, leistungsfähige Wechselrichter und erhebliche Infrastrukturinvestitionen nötig machen, funktioniert das OC-System mit bestehender, unidirektionaler Ladehardware. Es benötigt keine Rückeinspeisungsfähigkeit und kann daher mit herkömmlichen AC-Ladepunkten realisiert werden, was die Markteinführung erheblich beschleunigt und die Kosten für Nutzer und Versorger senkt.

Die technische Umsetzung des Systems basiert auf einem modularen Hardware- und Kommunikationsdesign. Im Fahrzeug sind zentrale Komponenten der On-Board Charger (OBCM), der Hauptsteuerprozessor (HCP) und ein Datenmanagementmodul (DRM), das als Schnittstelle zum Internet dient. An der Ladestation kommt ein Multiprotocol Router (MPR) zum Einsatz, der die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Netzinfrastruktur über verschiedene Protokolle wie Power Line Carrier (PLC) und Controller Area Network (CAN) ermöglicht. Der intelligente Stromzähler übermittelt die Netzdaten über ein ZigBee-Netzwerk an einen Application Layer Gateway (ALG), der diese dann per WLAN an die Ladestation weiterleitet. Dieser hybride Kommunikationsansatz gewährleistet eine zuverlässige Datenübertragung in verschiedenen Umgebungen, sei es in privaten Garagen oder öffentlichen Ladezonen.

Sobald das Fahrzeug alle notwendigen Daten empfangen hat – sowohl die Netzinformationen als auch die Nutzereingaben – führt der integrierte Algorithmus eine Reihe von Berechnungen durch. Für die „günstigste Laden“-Option wird eine sogenannte „Brute-Force“-Suche durchgeführt: Das System durchläuft alle möglichen Startzeiten innerhalb des vom Nutzer definierten Zeitfensters, berechnet für jede den Gesamtpreis basierend auf dem prognostizierten Tarifprofil und wählt die kostengünstigste Kombination aus. Für die „optimierte Laden“-Option wird zusätzlich die DRLC-Begrenzung in die Berechnung einbezogen. Der Algorithmus berücksichtigt, dass die Ladeleistung je nach Zeitpunkt reduziert werden muss, was die Gesamtladedauer verlängert. Er berechnet daher für jeden möglichen Startzeitpunkt nicht nur die Kosten, sondern auch, ob die Ladeaufgabe innerhalb des Zeitfensters und unter den gegebenen Leistungslimits abgeschlossen werden kann. Dies verhindert, dass ein Fahrzeug zu einem Zeitpunkt beginnt, zu laden, zu dem es aufgrund von Netzbeschränkungen nicht mehr rechtzeitig fertig wird.

Die Vorteile dieses Systems sind vielfältig und wirken auf mehreren Ebenen. Für den Endverbraucher bedeutet es mehr Kontrolle, Transparenz und Kosteneinsparungen. Er wird von einem passiven Stromkonsumenten zu einem aktiven Teilnehmer am Energiesystem, der bewusst Entscheidungen trifft. Die klare Darstellung der verschiedenen Ladeoptionen mit ihren jeweiligen Kosten und Zeiten fördert ein verantwortungsbewusstes Nutzerverhalten. Für die Energieversorger ist das System ein leistungsfähiges Werkzeug zur Lastmanagement. Es glättet die tägliche Lastkurve, vermeidet teure Spitzenlasten und reduziert die Notwendigkeit für den Betrieb ineffizienter und CO2-intensiver Spitzenlastkraftwerke. Gleichzeitig wird die physische Belastung von Transformatoren und Verteilerkabeln verringert, was deren Lebensdauer verlängert und teure Netzverstärkungsmaßnahmen hinauszögert.

Besonders relevant ist dies in Gebieten mit hohem und schnell wachsendem Anteil an Elektrofahrzeugen. Die Forscher verweisen auf die Zahlen aus China, wo bis Mitte 2020 bereits über 1,3 Millionen Ladepunkte installiert waren, davon mehr als 550.000 öffentliche – die weltweit höchste Zahl. Ohne intelligente Steuerungssysteme wäre ein solches Wachstum für viele lokale Netze nicht tragbar. Das vorgestellte OC-System bietet hier eine skalierbare Lösung, die schrittweise eingeführt werden kann, beginnend in kritischen Gebieten mit hohem Ladeaufkommen.

Die Autoren betonen, dass ihr System nicht nur technisch funktionsfähig, sondern auch sicher und benutzerfreundlich ist. Die Kommunikation zwischen Fahrzeug, Ladestation und Backend erfolgt über verschlüsselte Kanäle, um Datenmissbrauch und Cyberangriffe zu verhindern. Die Benutzeroberfläche ist bewusst einfach gehalten, sodass auch technisch weniger versierte Nutzer die verschiedenen Optionen verstehen und wählen können. Die Integration in bestehende Cloud-Dienste und Mobilfunknetze (über SIM-Karten im DRM-Modul) gewährleistet eine kontinuierliche Verbindung und ermöglicht Fernzugriff und -steuerung.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Flexibilität des Systems. Es ist nicht auf private Haushalte beschränkt, sondern kann ebenso in Flottenmanagement, kommerziellen Parkhäusern oder öffentlichen Ladeparks eingesetzt werden. Die Algorithmen können an unterschiedliche Nutzerprofile und Netzbedingungen angepasst werden. In Zukunft lässt sich das System auch leicht mit weiteren Datenquellen verknüpfen, etwa Wettervorhersagen für die Solarstromerzeugung oder Fahrzeugnutzungsdaten, um noch genauere Prognosen zu erstellen. So könnte das System erkennen, dass ein Fahrzeug am nächsten Tag nur eine kurze Strecke fahren wird, und den Ladevorgang entsprechend minimieren oder in die günstigsten Tarifzeiten verlegen.

Zusammenfassend stellt das von Zhang Lin und ihren Kollegen entwickelte intelligente Ladesystem einen bedeutenden Schritt hin zu einer nachhaltigen und resilienten Elektromobilität dar. Es beweist, dass die Herausforderungen der Netzintegration nicht durch teure Hardware-Upgrade gelöst werden müssen, sondern durch intelligente Software und vorausschauende Steuerung. Indem es die Flexibilität der Fahrzeugbatterien nutzt, verwandelt es Elektrofahrzeuge von einer Belastung in eine wertvolle Ressource für das gesamte Energiesystem. Es ist ein Beispiel dafür, wie technologische Innovation, durchdachtes Design und ein tiefes Verständnis für die Wechselwirkungen zwischen Verkehr und Energie zusammenkommen, um eine saubere und zuverlässige Zukunft zu gestalten. Die Forschung unterstreicht, dass der Erfolg der Elektromobilität nicht allein an der Anzahl der verkauften Fahrzeuge gemessen wird, sondern an der Intelligenz der Infrastruktur, die sie unterstützt.

Zhang Lin, State Grid Chongqing Electric Power Company; Lai Xiangping, Peng Haoyue, Li Zhi, State Grid Chongqing Electric Power Company; Liu Chaoqun, Wuhan University of Technology. Published in Electrical Measurement & Instrumentation. DOI: 10.19753/j.issn1001-1390.2024.05.012

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